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"Natürlich vegetarisch" Ein kleiner Artikel zur Lu 15

Über das interessante Konzept der Hausgemeinschaft wird immer wieder in diversen Zeitungen berichtet.

Zeit für eine Lösung "Übrigens", Schwäbisches Tagblatt

An dem Tübinger Wohnprojekt – oder, je nach Standpunkt, Studentenwohnheim – Ludwigstraße („Lu“) 15 scheiden sich die Geister: Ist der Kaufwunsch der 27 Bewohner/innen nur ein Tripp von privatisierungswilligen (Ex-)Freaks, die günstig an Wohnraum in guter Lage kommen wollen? Oder ist hier eine bunt gemischte Truppe ernsthaft an gemeinschaftlichen Formen des Zusammenwohnens und -lebens in Selbstverwaltung interessiert – und das auch noch zu bezahlbaren Mieten? Wohl Letzteres.

Was nicht nur, aber auch damit zu tun hat, dass die ehemaligen Franzosen-Wohnungen seit 1979 besetzt und bis zur Übernahme durch das Studentenwerk (Stuwe) 1989 selbstverwaltet waren. Beim Räumungsprozess vor dem Tübinger Amtsgericht im Dezember erinnerte ein Bewohner daran, dass das Stuwe die Ludwigstraße15 damals nicht zuletzt Dank jener Besetzung so günstig vom Bund habe kaufen können: „Ein Glücksfall.“

Nach einer langen Zeit der faktischen Selbstverwaltung unter eher formaler Regie des Vermieters Studentenwerk – so regelten die Bewohner/innen Ein- und Auszüge weitgehend autonom – kam vor zwei Jahren der Knall: Das Studentenwerk, namentlich sein Geschäftsführer Eberhard Raaf, kündigte an, das in die Jahre gekommene Gebäude renovieren zu lassen. Die Bewohner – nicht nur Studenten, sondern auch Schüler und Auszubildende, Arbeitende wie Arbeitslose – sollten nach einjährigem Exil in einem Ersatzgebäude nur noch befristete Mietverträge für die „Lu15“ bekommen.

Das Gegenmodell der Bewohner: Eine gemeinschaftliche Eigentumsform in enger Kooperation mit dem Freiburger Mietshäuser Syndikat, in dem bundesweit bereits 29 ähnliche Projekte zusammengeschlossen sind – auch die Tübinger Schellingstraße6. Die jüngst gegründete LUtopia GmbH würde künftig einen jährlichen „Soli-Beitrag“ für Neu-Projekte an die Freiburger überweisen. Und das Vetorecht des Syndikats in Eigentumsfragen dürfte ein ausreichender Schutz sein vor möglichen Verkaufsgelüsten künftiger Bewohner – die eben nicht die Besitzer der „Lu15“ sind.

Es ist Zeit für eine Lösung. Ohne Gerichtsverfahren und gegenseitige Drohgebärden. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit vertrauensbildenden Maßnahmen? Das Studentenwerk zieht die Räumungsklage zurück. Im Gegenzug präzisieren die Bewohner ihr Finanzierungskonzept und beide Seiten treten in ernsthafte Verhandlungen. Ein Job für den neuen Verwaltungsrat.

Volker Rekittke

Bewohner der Ludwigstraße erhöhen Kaufangebot

Bild: Metz /Schwäbisches Tagblatt
Blicken optimistisch in die Zukunft: Sechs
von 27 Bewohner/innen der Lu15 im Hausflur.
Die Treppenstufen hoch:
Deborah Rice und Lara Korte, Sarah Meder,
Sven Wiedmaier, Jörg Götze und,
auf dem Geländer, Karin Pfister.


Bewohner der Ludwigstraße15 erhöhen Kaufangebot / Entscheidung im neuen Stuwe-Verwaltungsrat

TÜBINGEN. Auf eine halbe Million Euro haben die 27 Bewohner/innen der Ludwigstraße („Lu“) 15 ihr Kaufangebot an das Tübinger Studentenwerk (Stuwe) erhöht. Nach „positiven Reaktionen“ aus dem Verwaltungsrat hoffen sie nun, dass die frisch gegründete LUtopia GmbH Grundstück und Gebäude noch in diesem Jahr erwerben kann. Doch das entscheidende Votum des neuen Stuwe-Verwaltungsrates steht noch aus (siehe auch das ÜBRIGENS)


„Der Wind hat sich gedreht“, sagt „Lu15“-Bewohnerin Deborah Rice. Dazu beigetragen habe nicht nur die deutliche Erhöhung des ursprünglichen Kaufangebots von 330000 Euro. Wichtig sei auch das fast einstimmige Votum der Fachschaften gewesen, die einen Appell zur Unterstützung der „Lu15“ an die studentischen Verwaltungsrats-Mitglieder gerichtet hatten.

Seit gut fünf Wochen sammeln die Bewohner/innen nun verzinste Direktkredite von 500 Euro aufwärts, um bis zum 1. Oktober zahlungsfähig zu sein. 80000 Euro sind bislang zusammengekommen. „Nicht schlecht“, findet Rice, und: „Wir haben weitere Zusagen.“ Noch fehlen allerdings 90000 Euro bis zum erforderliche Minimum – immerhin ein Drittel des Kaufpreises. Und der Rest? „Ein Kredit der GLS-Bank“, erklärt Mitbewohnerin Lara Korte. Die „Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken“, nach eigener Aussage „Deutschlands größte ethisch-ökologische Bank“, finanziert bis zu zwei Drittel der Kaufsumme vor – und zwar zu einem „akzeptablen Zins“, so Korte. Doch bis zu einem möglichen Kauf müssen noch einige Hürden beiseite geräumt werden

Kaufangebot ernsthaft prüfen

Wenn es nach den Bewohnern geht, würde der städtische Gutachterausschuss zunächst eine Bewertung von Haus und Grund vornehmen. Das ist auch Teil eines Vorschlags von Ex-Unirektor Eberhard Schaich, bis vor kurzem noch Vorsitzender des Stuwe-Verwaltungsrats. Schaich empfiehlt dem Gremium außerdem, ein konkretes Kaufangebot der Bewohner ernsthaft zu prüfen. „Diesem Vorschlag hat niemand widersprochen“, sagt FDP-Stadtrat Dietmar Schöning, bislang ebenfalls Mitglied im Verwaltungsrat. Schaich: „Die Grundlage für eine gütliche Einigung ist vorhanden.“ Nun müssten alle Beteiligten nur noch ein wenig „guten Willen“ zeigen. Allerdings, warnt Schaich vor allzu optimistischen Erwartungen, gebe es auch die „etwas fundamentalistische“ Position: „Wir geben das Gebäude nicht heraus.“ Damit dürfte der Stuwe-Geschäftsführer und erklärte Verkaufs-Gegner Eberhard Raaf gemeint sein. Auf TAGBLATT-Nachfrage will Raaf das „vage Angebot“ der „Lu15“-Bewohner nur soweit kommentieren: „Das kann so nicht funktionieren – bei einem Verkauf müssten Grundstück und Gebäude öffentlich ausgeschrieben werden.“

In den vergangenen Monaten hatte es immer wieder Gespräche zwischen Bewohnern und Studentenwerk gegeben – lange Zeit ohne greifbares Ergebnis. Bereits im vergangenen Dezember hatten sich beide Parteien, begleitet von reichlich juristisch-politischem Geplänkel, vor dem Tübinger Amtsgericht getroffen – das Ergebnis war ein Räumungstitel für das Stuwe. Auch die von OB Boris Palmer als Ersatzobjekt ins Spiel gebrachte Hegelstraße7 brachte nicht den erhofften Durchbruch. Palmer, der sich ausdrücklich nicht in die Belange des Stuwe-Verwaltungsrates einmischen will, macht sich nach wie vor für eine einvernehmliche Lösung stark: „Das Hauptinteresse der Stadt ist eine friedliche Einigung – ohne Räumung und ohne Polizei.“

Entscheiden müssen nun die frisch gewählten Verwaltungsrats-Mitglieder des unlängst fusionierten Studentenwerks Tübingen-Hohenheim. Sie treffen sich Ende Juli zur konstituierenden Sitzung. Neu in dem zehnköpfigen Gremium ist Tübingens Uni-Rektor Bernd Engler. Vor der Sitzung am 25. Juli, bei der auch der künftige Verwaltungsrats-Vorsitzende gewählt wird, möchte sich Engler indes nicht zum Thema Ludwigstraße15 äußern. Uni-Sprecher Michael Seifert verrät immerhin soviel: „Das Thema steht dort auf der Tagesordnung.“

online Mehr Infos zur „Lu15“ und Direktkrediten gibt’s unter: www.lu15.de

Text: Von Volker Rekittke

330 000 plus X Lu 15-Bewohner erhöhen Kaufangebot

Archivbild: Metz

TÜBINGEN (vor). Die Bewohner der Ludwigstraße (Lu) 15 wollen ihr Gebot für das Gebäude von bisher 330000 Euro erhöhen – „gegebenenfalls sogar erheblich“, heißt es in einem Schreiben an die 20 Verwaltungsrats-Mitglieder des frisch fusionierten Studentenwerks (Stuwe) Tübingen-Hohenheim.


Derweil gehen die Gespräche zwischen Stuwe-Geschäftsführer Eberhard Raaf und den Bewohnern weiter. „Ich habe vom Verwaltungsrat kein Mandat, und auch noch nie eins gehabt, über den Verkauf des Gebäudes zu reden“, sagte Raaf auf TAGBLATT-Nachfrage. Beim Gespräch vor einer Woche habe er den Bewohnern erneut ein Ersatzquartier für die Zeit der vom Stuwe geplanten, etwa einjährigen Renovierung des Gebäudes angeboten.

Danach könnten alle Bewohner wieder einziehen, allerdings nur mit auf drei, längstens fünf Jahre befristeten Mietverträgen. Die Bewohner wollen das seit einer Besetzung 1979 als Wohnprojekt bestehende Haus vom Studentenwerk kaufen und – ähnlich wie die Schellingstraße 6 – in eine genossenschaftliche Eigentumsform nach dem Modell des Freiburger Mietshäuser Syndikats umwandeln.

Am 27. Februar scheint jedoch sehr wohl über einen möglichen Verkauf geredet worden zu sein: Bei einem Treffen zwischen Lu 15-Bewohnern, Geschäftsführer Raaf sowie dem Verwaltungsrats-Vorsitzenden Eberhard Schaich wurde über die Einschaltung des städtischen Gutachterausschusses zwecks Wertermittlung für die Immobilie gesprochen, das bestätigt auch Raaf. Die Bewohner sahen darin eine Basis für Preisverhandlungen und verzichteten aufgrund des „positiven Verhandlungsstands“ auf eine Berufung im Räumungsverfahren. „Um so bestürzender war für uns die Information, dass das Studentenwerk inzwischen von seinen Zusagen abgerückt sei.“

Nach unseren Informationen votierte der Verwaltungsrat nach dem Treffen im Februar mehrheitlich gegen weitere Verkaufsverhandlungen mit den Bewohnern. Wie ein studentisches Mitglied des Gremiums jetzt gegenüber dem TAGBLATT erklärte, seien die gebotenen 330000 Euro „eindeutig zu wenig“ gewesen. Die im jüngsten Bewohnerbrief in Aussicht gestellte Kaufpreis-Erhöhung sei aus seiner Sicht „kein neues Angebot“. Droht jetzt die Räumung? Stuwe-Geschäftsführer Raaf: „Niemand ist an einer Lösung interessiert, die nicht einvernehmlich ist.“

Oh heiliger Prekarius, erinnere Dich unser!

Bild: Faden / Schwäbisches Tagblatt
Theaterstück vor der Lu 15
Mitunter mussten sogar die Polizisten
lachen, die den Demonstrationszug am
Montagabend begleiteten.

Die erste Mayday-Parade in Tübingen prangerte mit 500 Teilnehmern gut gelaunt soziale Missstände an

TÜBINGEN (ioa). Die Premiere ist gelungen: Dem Aufruf zur ersten „Mayday-Parade für globale soziale Rechte“ folgten 500 Menschen in Tübingen. Gut gelaunt und teils schrill verkleidet zogen sie am Montagabend vom Französischen Viertel bis zum Haagtor. Angetrieben von House-Beats wurde getanzt, gefeiert – und unter anderem gegen Lu15-Räumung, Studiengebühren und einen zügellosen Kapitalismus protestiert.


Christian Nastal macht sich Sorgen um seine Zukunft, deshalb ist er bei der von mehreren Gruppen organisierten Mayday-Parade dabei: „Für die Wirtschaft bin ich uninteressant“, ist sich der Rhetorikstudent sicher. Er sei nicht flexibel genug. Der Grund dafür schaut fröhlich aus dem Kinderwagen in die Menschenmenge, die sich mit etwa 50 Polizisten am Montagabend an der Panzerhalle im Französischen Viertel auf den Weg macht.

Zusammen mit einigen Mottowagen zieht der Tross durch die Stadt, um soziale und politische Ungerechtigkeiten anzuprangern. So singt das Tübinger Hip-Hop-Duo Zweiplus gegen Nazis an, und so rufen „Die Überflüssigen“ im Namen der Hartz-IV-Empfänger: „Nicht wir sind überflüssig, sondern der Kapitalismus ist überflüssig!“ Ein Paar macht als „Superflex“ und „Superflott“, zwei besonders flexible Arbeiter-Helden, auf die zunehmende „Prekarisierung“, also die steigende Zahl der Menschen aufmerksam, die als Praktikanten oder Minijobber in unsicheren Verhältnissen leben. Die „grünen Mittelschichtler“ im Viertel seien davon freilich noch nicht betroffen, tönen sie spitz.

Dann geht es weiter in die Ludwigstraße, Solidarität bekunden mit der Lu 15. Dem Wohnprojekt droht bekanntermaßen die Räumung. Wie die ablaufen könnte, spielen einige Sympathisanten in bester Slapstickmanier vor. Unter großem Gelächter schaffen es die Ordnungshüter nicht, das Haus zu stürmen. Dann wird ein Transparent entrollt, Beifallsstürme: „Die letzte Schlacht gewinnen wir“, steht hier.

Zu sehen gibt es unter den von der Polizei geschätzten 500 Teilnehmer(inne)n als Blumen verkleidete Frauen, einen Lindwurm mit buntem Pappmachékopf, rote Knollennasen in weiß bemalten Gesichtern. Andere tragen Masken, die das Konterfei von Ministerpräsident Günther Oettinger zeigen. In Anspielung auf die Affäre um seine Trauer-Rede für Hans Filbinger, haben sie Tafeln um den Hals hängen, auf denen ein Zitat des Rottenburger OB Klaus Tappeser (CDU) steht: „Er hat alles sauber hergeleitet!“

Um die Auswüchse des Kapitalismus geht es bei der Blauen Brücke. Dort lässt der Tübinger Autor Marc Hammerschmidt kein gutes Haar an der Deutschen Bahn und ihrem Chef Horst Mehdorn. Dem gehe es nur darum, „Cash“ zu machen. Dabei würde die Bahn Gewinne privatisieren, Verluste der Allgemeinheit aufbürden. An gleicher Stelle, sinnigerweise die Bauruine des einst geplanten Kulturzentrums im Blick, schimpft das „Kollektiv Kulturkneipe“ über gekürzte Förderungen für freie Kulturinitiativen.

Auf der Neckarbrücke wird ausgelassen zu den schnellen Elektro-Rhythmen von DJ Lightwood und MC Double J getanzt, ehe es andächtig wird: Der Verein Zapotek spricht ein Gebet zum Heiligen Prekarius. Unter anderem heißt es darin: „Erinnere dich der Seelen ohne Kündigungsschutz“ und später „Denn dein ist die Lohnfortzahlung und das Weihnachtsgeld in Ewigkeit!“ Da müssen sogar die Polizisten lachen.

In Geduld üben sich derweil die Autofahrer auf dem Weg in die Innenstadt. Die Freie SchülerInnen Organisation wendet sich gegen „staatlichen Rassismus“ und verlangt „Keine Mauer um Europa“. Vor der Neuen Aula fordert Julian Zwingmann vom Arbeitskreis Studiengebühren, dass Bildung keine Frage des Geldes sein darf. Am Haagtorplatz schließlich endet die Party mit einem Auftritt des Bloch-Chors. Inoffiziell geht sie in der Nacht und bis in den frühen Morgen mit einer Disko in der Bauruine an der Blauen Brücke weiter.

Studentenwerk will wieder mit Lu15 sprechen

Im Streit zwischen den Bewohnern der Ludwigstraße („Lu“) 15 und dem Studentenwerk über den Verkauf des Gebäudes gibt es positive Signale. „Wir sind im Gespräch“, sagte am Freitag der Studentenwerks-Geschäftsführer Eberhard Raaf auf TAGBLATT-Nachfrage. Er habe den Bewohnern einen Termin für die kommende Woche vorgeschlagen.

Nun sei „direkte Kommunikation“ gefragt. Noch vor wenigen Wochen sah es anders aus: „Eine Räumung wird wahrscheinlicher“, befürchteten die Bewohner, das Studentenwerk habe die Verhandlungen über den Kauf des Gebäudes platzen lassen.

Ende Februar hatte ein Gespräch stattgefunden, an dem auch der Verwaltungsratsvorsitzende Prof. Eberhard Schaich teilgenommen hatte. Dabei war auch über die Einschaltung des städtischen Gutachterausschusses gesprochen worden. Allerdings bestand über das Gesprächsergebnis kein Konsens.

Auch Tübingens OB Boris Palmer hofft, dass beide Seiten nun „ernsthaft nach Kompromissen suchen“. Er halte alternative Wohnformen für unterstützenswert und wolle nicht, „dass es zu einer Räumung kommt“. Bereits vor seiner Wahl sei er als Moderator aktiv geworden. Die Stadt habe das GWG-Gebäude Hegelstraße7 zum Kauf oder auf Erbpachtbasis angeboten – doch beide Seiten hätten abgewunken. „Weiter kann die Stadt nicht gehen“, so Palmer: „Meine Möglichkeiten sind ausgereizt.“

"Nicht gewünscht" Leserbrief

Abschiedsblues zur Lu15

Ich möchte gerne hier meinen Frust äußern zu der eventuellen bevorstehenden Räumung des selbstverwalteten Wohnprojekt Lu15 in Tübingen. Im letzten Jahr wurde das autonome Jugendzentrum in Stuttgart, das „OBW9“, geschlossen. Einige Zeit davor die „ExSteffi“ in Karlruhe und jetzt droht auch der Lu15 die endgültige Schließung.

Ich frage mich, wieso haben die Städte für alles, und damit meine ich wirklich alles, Geld – außer für solche Projekte, wo junge Menschen sich selbst verwalten und organisieren können, regelmäßige Veranstaltungen stattfinden. Man bekommt allmählich den Eindruck, es ist nicht gewünscht in Baden-Württemberg, dass es solche Einrichtungen gibt, da diese Schließungen sich wie ein roter Faden in Baden-Württemberg vollziehen, und es bisher noch keiner selbstverwalteten Einrichtung gelungen ist, die Schließung abzuwenden.

Also sollten wir uns eigentlich jetzt schon von der Lu15 verabschieden: „It`s time to say goodbye“. Aber nicht nur von der Lu15 sondern auch von der Idee der Selbstverwaltung, die auch nicht in einer engagierten Stadt wie Tübingen Platz hat.

Ich hoffe sehr, dass die Lu15 nicht geschlossen wird. Aber die Vergangenheit spricht eine eigene Sprache. Doch bis es soweit sein wird, werden hoffentlich noch viele Stimmen laut in Tübingen und Umgebung, um ihren Unmut darüber zu äußern.

Melanie Mootz, Gäufelden
Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt 2007-04-20

"Modell Schellingstraße" Leserbrief

Der Streit zwischen Studentenwerk und Bewohnern der Tübinger Ludwigstr. 15 geht in die nächste Runde


Ich wende mich hiermit an das Studentenwerk und bitte darum, dass die Verhandlungen wieder aufgenommen werden. Und zwar in beiderseitigen Interesse. Ein endgültiges Scheitern der Kaufverhandlungen wäre fatal. Eine Bulldozer-Mentalität hilft niemand weiter. Seit dem ersten Aufziehen einer Gefahr am Horizont hat die Lu15-Bewohnerschaft nicht geruht und mit vielfältigen Aktionen (Wohn-Outs, öffentliche Frühstücke, Demonstrationen, Konzerte etc.) auf ihre Situation aufmerksam gemacht. Dadurch hat sich das Wohnprojekt vielfältige Sympathien und Solidarität auch über die übliche linke Szene hinaus erworben. Diese Leute, darunter viele Anwohner, sind bereit für Lu15 einzustehen. Bei einer Räumungsdrohung ständen die Bewohner/innen also nicht alleine da.

Doch an einer Eskalation kann niemanden gelegen sein. Also auf zur Verhandlung – Runde 2! Das Modell Schellingstraße hat doch bewiesen das es geht. Sollte das Studentenwerk sich auf Klientel-Egoismus berufen, weil es nur für Studierende da sei: Nun denn, auch ich bin Student und dafür, dass die Lu15 sich zu einem annehmbaren Preis selbst kaufen kann.

Titus Lenk, Tübingen
Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt 2007-04-10

Pressemitteilung der Hausgemeinschaft "Lu 15" vom 30. März 2007

Studentenwerk lässt geheime Verhandlungen mit dem Wohnprojekt LU15 platzen. Räumung wird wahrscheinlicher.

Die Bewohner der LU15 haben den Stop der Gespräche am Mittwoch Abend telefonisch von einem Mitglied des Gremiums erfahren. Gemäß dem Telefonat, bei dem es eigentlich um andere Fragen gehen sollte, ist der Geschäftsführer des Studentenwerks, Herr Raaf, nach der entscheidenden Sitzung des Verwaltungsrats am 22.3. damit beauftragt worden, die LU15 über die neuen Entwicklungen zu informieren, was er bis heute nicht getan hat.

In den bisherigen Verhandlungen war beschlossen worden, ein unabhängiges Gutachten vom Gutachterausschuss der Stadt Tübingen erstellen zu lassen, um einen neutralen Anhaltspunkt für den Kaufpreis zu bekommen. Die LU15 hat mehrfach betont, das Angebot von 330 000 Euro erhöhen zu können. (Bereits bei diesem Kaufpreis hätte das Studentenwerk bei gleichzeitigem Kauf der Hegelstraße 7 56 Wohnheimplätze schaffen können, statt der maximal 33, die bei einer Renovierung und bei neuer Raumaufteilung in der Ludwigstrasse 15 entstehen könnten. Dazu müsste das Studentenwerk für die zusätzlichen 23 Zimmer, bei vergleichbarer städtischer Lage, keine weiteren Mittel aufbringen.1

Finanziell gesehen besteht also kein Argument seitens des Studentenwerks gegen den Verkauf. Das Studentenwerk könnte ganz im Gegenteil an der emotionalen Verbundenheit der Bewohner mit dem Haus verdienen und seinem Auftrag nachkommen, bezahlbare Wohnheimplätze für Studierende zu schaffen.
Warum es dieses Ziel nun nicht weiter verfolgt, ist den Bewohnern der LU15 nicht bekannt.

Da die LU15 nicht nur ein Wohnhaus, sondern vielmehr ein Symbol für eine gerade in Tübingen große Szene ist, erwarten die Bewohner einen breiten Widerstand gegen die Pläne des Studentenwerks.

"Eine zehnjährige Studiquote" Leserbrief

Zu den Kündigungen in der Ludwigstraße 15 in Tübingen

Unverständlicherweise besteht bei einigen Mitmenschen der falsche Eindruck, die Bewohner der Ludwigstraße 15 würden versuchen, sich aus egoistischen Motiven öffentlichen Wohnraum unrechtmäßig anzueignen. Das Studentenwerk argumentiert schönfärberisch, mit der Räumung und der anschließenden Totalsanierung würden 30 neue Plätze für Studierende geschaffen. Dass jedoch bereits etwa 15 Studierende in der Lu 15 wohnen, welchen übrigens auch gekündigt wurde, wissentlich unter den Tisch gekehrt. In der Lu könnten also lediglich 15 Studierendenplätze geschaffen w erden. Die Bewohner der Lu 15 versuchen nun, dem Studentenwerk das Gebäude in der Hegelstraße 7 schmackhaft zu machen, welches sie durch die Einnahmen aus dem Verkauf der Lu zu kaufen in der Lage wären. Bedauerlicherweise stößt man beim Studentenwerk mit emotional-sozialer Argumentation auf taube Ohren, doch sollte auch dem kühlsten Rechner auffallen, dass die Hegelstraße 7 für das Studentenwerk zweifelsohne die lukrativere Immobilie darstellen sollte. Dies setzt jedoch voraus, das Studentenwerk würde tatsächlich im Interesse der Studierenden handeln, und meistmöglichen Wohnraum schaffen wollen. Kulanterweise sind die Bewohner der Lu 15 bereit, dem Studentenwerk eine zehnjährige Studiquote von etwa 45 Prozent vertraglich zuzusichern. Mit 30 zusätzlichen Studierendenplätzen in der Hegelstraße7 würden somit 45 Studierendenplätze langfristig gesichert. Von einem Gesichtsverlust oder Veruntreuung muss also nicht die Rede sein.

Michael Lingnau, Tübingen
Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt 2007-03-02

"Tübingen würde ärmer" Leserbrief

Nach dem verlorenen Rechtsstreit wird hier jetzt eine „politische Weichenstellung" für das Wohnprojekt in der Ludwigstraße 15 gefordert.

Die mögliche Räumung des Wohnprojekts Ludwigstraße 15 ist juristisch durch. Soweit, so schlecht. Schlecht für die Bewohner, die auf die Straße gesetzt werden sollen, und so günstigen (!) Wohnraums beraubt werden, und deren alternatives Wohnkonzept vor dem Ende steht. Schlecht aber auch für Tübingen. Tübingen würde ärmer an (Wohn- )Kultur und verlöre etwas seines Profils einer offenen, vielfältigen und bunten Stadt.

Und wegen dieser Tragweite reicht eine juristische Entscheidung in diesem Falle nicht aus. Es ist eine politische Weichenstellung vonnöten. Es müssen jetzt ernsthafte Verhandlungen zwischen den tatsächlichen Entscheidungsträgern stattfinden. Und es sollten sich nicht nur die unmittelbar betroffenen Parteien aufgefordert fühlen, konstruktiv Lösungen zu suchen.

Auch Vertreter der Universität und kommunal Verantwortliche können dabei helfen. „Ich sage ja nicht, dass Ihr leben sollt wie ich,“ ist das Zitat eines Landstreichers und der Titel eines gleichnamigen Buches. Der Ausspruch könnte so oder so ähnlich auch von den Bewohnern der Ludwigstraße 15 stammen.

Zwischen den Zeilen geht es in beiden Fällen um das Werben für Verständnis und Toleranz gegenüber Menschen, die andere Vorstellungen von ihrem Wohnen und Leben haben. Und gerade in Tübingen sollte Platz für Anderes, Unkonventionelles sein. Deswegen lohnt es sich für alle, für den Erhalt des Wohnprojekts Ludwigstraße 15 einzutreten!

Tobias Töpfer, Tübingen
Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt 2007-02-10

"Für einen Spottpreis" Leserbrief

Die Bewohner der Ludwigstraße 15 in Tübingen haben den Rechtsstreit gegen ihren Vermieter verloren

Jetzt ist es raus. Das Studentenwerk A.d.öR. hat den Räumungstitel gegen die BewohnerInnen des Wohnprojekts Ludwigstraße 15. Aber dass dieser Konflikt weniger ein juristischer als vielmehr ein politischer ist und auch auf dieser Ebene entschieden wird, dürfte allen Beteiligten klar sein.

Als in den 1970er und 80er Jahren mehrere leerstehende Häuser, wie die Ludwigstraße 15, die Schellingstraße 6 und die Münzgasse 13, besetzt wurden, konnte die Auseinandersetzung zwischen der städtischen Politik und den HausbesetzerInnen durch ein Legalisierungs- Konzept geregelt werden: Das StuWe wurde dabei Träger bzw. Besitzer dieser Häuser und garantierte den BewohnerInnen die wichtigsten Selbstverwaltungsrechte. Nebenbei ermöglichte diese Lösung dem StuWe den Kauf der Ludwigstraße für einen Spottpreis.

Wenn nun das Studentenwerk diese Regelung und damit die selbstverwaltete Wohnform der Ludwigstraße 15 aufzuheben versucht, dann braucht es sich nicht zu wundern, wenn sich Widerstand regt. Dabei hätte das StuWe durchaus Vorteile von einer Einigung mit den LudwigsträßlerInnen: Es könnte sich durch einen Verkauf der Ludwigsstraße 15 an die BewohnerInnen den Kauf eines – für studentisches Wohnen besser geeigneten – Gebäudes in der Hegelstraße 7 finanzieren. Hierdurch würden insgesamt mehr Wohnheimplätze geschaffen.

Gleichzeitig ermöglicht das Modell des Mietshäusersyndikats den LudwigsträßlerInnen sowohl die langfristige Finanzierung des Kaufs und der Sanierung des Gebäudes Ludwigstraße 15 als auch den Erhalt der selbstverwalteten, gemischten Wohnform. Dass dieses Konzept funktioniert, hat sich bereits am Beispiel des Wohnprojekts Schellingstraße gezeigt. Es bleibt nur zu hoffen, dass die neue Spitze der Stadt und der Verwaltungsrat des StuWe Argumenten gegenüber zugänglicher sind als dessen Geschäftsführer Eberhard Raaf.

Jens Kolata, Tübingen
Leserbrief im Schwäbischen Tagblatt 2007-02-10

Offene Tür in der Ludwigstraße 15

Mit einem Tag der offenen Tür werben die Bewohnerinnen und Bewohner der Ludwigstraße 15 am Sonntag, 22. Oktober, von 14 bis 19 Uhr für ihr Projekt eines selbstverwalteten kollektiven Wohnmodells. Wie berichtet, wollen sie dazu das Gebäude vom jetzigen Besitzer, dem Studentenwerk Tübingen, erwerben. Das Studentenwerk verfolgt seinerseits einen Sanierungsplan.

Die Wohngemeinschaften der „Lu 15“ bieten von 15.30 bis 17.30 Uhr stündlich Führungen durchs Haus, informieren über ihr Finanzierungsmodell und den Stand der Räumungsklage. Zur Unterhaltung zeigt ein Tattoo-Studio Bodypainting-Kunst, um 16 Uhr tritt der Standup-Zauberer Jorgos Katsaros auf, danach ist kurdische Musik zu hören. In der Hausbar kann man Kicker spielen, Kaffee oder Sekt trinken und Kuchen essen.

Drei Kulturtage mit Superstimmung in der Tübinger Südstadt

Ganz verschiedene musikalische Kulturkreise bereisten die gut 2000 Besucher der Kulturtage am Wochenende in der Tübinger Wagenburg. Orientalische Klänge wechselten sich da mit keltischen, osteuropäischen und jamaikanischen Sounds ab. Unsere Fotografin Ulrike Jordan war am Freitagabend dort.


Als die Soulfood International Band am Freitagabend die ersten Töne erklingen ließ, senkte sich gerade die Dunkelheit über der Wagenburg am Rande des Französischen Viertels. Mit souligen Mitwipp-Grooves entführte die achtköpfige Formation die Zuhörer in karibische Regionen. Je später der Abend, desto schneller die Rhythmen, die sich bald zu schnellem Reggae und Ska entwickelten. „Better must come some day“, sang der Tübinger Frontmann Roger Nolda im jamaikanischen Dialekt Patois, dabei war die Stimmung unterm Sternenhimmel schon lange auf dem Höhepunkt.

Am Samstagabend fehlten die Sterne, aber das Wetter hielt. Erst animierten Desert Kültür aus Tübingen mit orientalischen Klängen, die sie mit Didgeridoo-Sounds kreuzten, zum Bauchtanz. Später legten Apparatschik aus Berlin mit ihrem russischen Speedfolk die Tempo-Messlatte extrem hoch.

Daniel aus Tübingen tanzte und klatschte enthusiastisch mit: „Die sind hammergeil!“, sagte der 25-Jährige begeistert, „und die Leute sind alle gut drauf“. Leuchtende Augen gab es bei der anschließenden Feuershow. Mit brennenden Stäben, Seilen und Bällen brachte eine Jonglage-Gruppe die Schatten an der Wand des alten Schießstandes zum Tanzen.

„Es ist einfach super! Es herrscht super Stimmung, und alle benehmen sich“, freute sich Veranstalter Markus Lips. Und Mitorganisator Stefan Rieger ergänzte: „Es ist uns wichtig, hier ein Podium zu schaffen, um Kultur zu präsentieren und den Leuten die Wagenburg zu zeigen.“ Gemeinsam mit dem Wohnprojekt „LU 15“ organisierten knapp 50 Helfer das dreitägige Programm.

Darin fehlte auch die Unterhaltung für die Kleinsten nicht. Clown Ätsch erlebte mit seinem Baby so manche schräge Geschichte. „Das war witzig“, sagte die elfjährige Yinaika Wyslich und musste noch mal schmunzeln, als sie daran dachte, „dass der Clown immer, wenn er sich gerade hingesetzt hat, wieder aufstehen musste“. Sein Baby ließ ihm einfach keine Ruhe.

Für einen „Clash of Cultures“ sorgte am Sonntagmorgen der bayrische Frühschoppen. Zu Weißwürsten und Weißbier gab es nicht nur einen Jodler sondern auch einen kurdischen Folkloresänger und eine Hardcoreband. „Das ist eine coole Zusammensetzung“, fand Rieger. Am Sonntagabend spielte die Theatergruppe „Wir Boni“ das Stück „Angst vorm schwarzen Mann“ und Kent Malisa ließ mit Weltmusik die Kulturtage ausklingen.

Räumungsklage für Ludwigstraße15 eingereicht

Im Konflikt um das Gebäude Ludwigstraße 15 haben sich die Fronten verhärtet: In der vergangenen Woche reichte das Studentenwerk beim Amtsgericht die Räumungsklage ein.

Wie mehrfach berichtet, möchte das Studentenwerk das Gebäude sanieren und wieder rein studentischem Wohnen zuführen. Die jetzigen Bewohner wollen aber ihr selbstverwaltetes „gemischtes“ Wohnprojekt (es sind auch Nichtstudenten beteiligt) nicht aufgeben. Sie haben dem Studentenwerk ein Kaufangebot gemacht. Dieses lehnt jedoch Kaufverhandlungen ab.

Die Bewohner argumentieren, dass das Studentenwerk mit dem Erlös aus dem Verkauf an die Hausgemeinschaft der „Lu 15“ an anderer Stelle studentischen Wohnraum schaffen könne. In einer Unterschriftenaktion haben bisher 1100 Menschen Unterstützung für das Wohnprojekt bekundet, das 1979 aus einer Hausbesetzung hervorging.

Die Lu 15 wollte am Samstag hoch hinaus

(vor). Mit einer spektakulären Aktion machten Bewohner/innen des Tübinger Wohnprojekts in der Ludwigstraße 15 (Lu15) am Samstagmittag auf sich aufmerksam: Auf dem Stiftskirchenturm entrollten sie ein gut acht Meter langes Transparent – darauf die Forderung an das Studentenwerk, die kürzlich ausgesprochenen Kündigungen zurück zu nehmen und die LU15 ihren Bewohnern zu verkaufen (wir berichteten).

Zugleich kraxelten eine Aktivistin und ein Aktivist – im Klettern geübt und durch Seile gesichert – gen Holzmarkt, wo gut zwei Dutzend Sympathisant(inn)en die beiden durch Klatschen und Pfiffe unterstützten. Probleme mit der Polizei gab’s keine, mit dem flugs herbei geeilten Stiftskirchenpfarrer Karl-Theodor Kleinknecht („das ist jetzt die zehnte Stiftskirchenbesetzung“) vereinbarten die Protestler, das Transparent nach zwei Stunden wieder einzuholen – was auch geschah.

Bilder : Sommer

"Lu 15" ist Demo-Thema

Am Samstag, 20. Mai, findet in Stuttgart eine landesweite Demonstration für selbstverwaltete Wohnprojekte, Jugend- und Kulturzentren statt (Beginn um 14 Uhr, Lautenschlagerstraße). Unterstützer und Bewohner von insgesamt 60 Projekten werden dazu erwartet. Dabei geht es unter anderem um das Tübinger Haus Ludwigstraße 15.

Die „Lu 15“ wurde 1979 als leer stehendes Wohnhaus der damaligen französischen Garnison besetzt und wird seither von Studierenden und anderen jungen Leuten bewohnt. Seit 1989 gehört das Haus dem Studentenwerk und wird von diesem an die rund 25 Bewohner vermietet. Vom Studentenwerk wurde nun den Bewohnern zum 31. Mai gekündigt mit der Begründung, das Haus müsse in unbewohntem Zustand saniert werden.

Wie berichtet, betrachten die Bewohner die Kündigung als gezielten Angriff auf ihre Wohnform. Eberhard Raaf, der Geschäftsführer des Studentenwerks, kündigte inzwischen eine Räumungsklage an. „Wir gehen auf gar keinen Fall ’raus“, sagte Bewohnerin Deborah Rice gestern gegenüber dem TAGBLATT. Stattdessen wollen die Bewohner das Haus käuflich erwerben und als gemeinschaftliches Wohnprojekt weiter betreiben. Ein Kaufangebot soll dem Studentenwerk „in den nächsten Wochen“ vorgelegt werden.

Selbstverwaltung in Gefahr
Die Bewohner/innen der Lu15 kämpfen für ihr soziales Wohnprojekt

„Das Wohngefühl ist ein ganz
anderes“, finden Bewohner/innen
der Lu15.

Bild: Raban Witt

TÜBINGEN. Deborah Ann Rice war lange auf Suche, bevor sie ein Zimmer fand – in der Ludwigstraße 15. Es war das erste, das ihr auf Anhieb gefiel. „Das Wohngefühl ist ein ganz anderes, als in den WGs, die ich vorher kannte“, sagt die 25-jährige Politikstudentin. „In der Lu15 lebt man nicht nur für sich, sondern für eine Gemeinschaft: Wir sind füreinander da.“ Seit fünf Monaten wohnt sie dort, eine von über 20 Schüler/innen, Student/innen, Arbeitslosen, Berufstätigen, Alleinerziehenden und Azubis.

Seit 18 Monaten lebt auch Stefan Rieger (37) in der Lu15 – nach 14 Jahren Wagenburg. Er sieht viele Parallelen: „Nicht räumlich, aber beim Verständnis von Gemeinschaft.“ Einmal pro Woche findet in der Lu15 eine Hausvollversammlung mit mindestens einer Person aus jeder der sechs Wohngemeinschaften statt.Darüber hinaus pflegt die „Lu15“ einen engen Kontakt zum Wohnprojekt Schellingstraße und ist Mitglied im „AK Schöner Wohnen“.

„In gewisser Weise denken wir ziemlich wertkonservativ“, sagt Stefan Rieger. „Wir wollen das Menschsein erhalten. In Zeiten, wo wir alle zu Zahnrädern im System geworden sind, müssen wir zuerst bei uns selbst anfangen.“ Dazu gehört für ihn auch, „eine Bühne für Kultur abseits von Mainstream und Kommerz“ zu schaffen. So gibt es jeden Donnerstag ab 21 Uhr für Interessierte und Freunde des Hauses eine Hausbar, bei der auch Konzerte, Kleinkunst- und Filmabende stattfinden.Es sei den Meisten klar, führt er weiter aus, dass sie dort nicht ewig leben würden.Aber auch für neue Generationen von Bewohner(innen) müsse die Struktur erhalten bleiben und klar sein, dass das Haus ihnen selbst gehöre.“

Das Wohnprojekt entstand vor mehr als 25 Jahren nach der Besetzung eines leerstehenden französischen Kasernengebäudes, das damals noch dem Bundesvermögensamt gehörte. 1989 erwarb das Studentenwerk das Grundstück mitsamt dem Haus. Es gab Versuche, das Wohnprojekt in ein gewöhnliches Studentenwohnheim umzuwandeln und die Gartenfläche vor dem Haus zu bebauen. Die Bewohner/innen verbarrikadierten daraufhin den Garten mit Autos und verweigerten die Mieten.

Räumungsklage angedroht

Zwar konnte die Bebauung nicht verhindert, aber ein neuer Mietvertrag ausgehandelt werden, in dem der Hausgemeinschaft das Recht auf Selbstverwaltung weiter zugestanden wurde und der seitdem die Basis für das Wohnprojekt war.

Seit Ende 2004 plant nun das Studentenwerk, als Eigentümer des Gebäudes, eine „unbewohnte Sanierung“ des Hauses nebst „Wohnraumoptimierung“. Für die Bewohner „nur ein Vorwand, um die gewachsenen Wohnstrukturen zu brechen, den Bewohnern den Wohnraum zu entziehen und die Ziele zu erreichen, die das StuWe schon in den Jahren 1989/90 nicht durchsetzen konnte: Die Lu15 in ein Studentenwohnheim umzuwandeln.“ So steht es in einem Flugblatt. Befürchtet werden drastische Mieterhöhungen und eine Begrenzung der Wohnzeit.

Die Sanierung wäre, so ein von den Bewohnern beauftragter Architekt, ebenso im bewohntem Zustand durchführbar. Der Vorschlag, das Gebäude zu kaufen (mit einem ähnlichen Finanzierungskonzept wie bei der Schellingstraße) sei bisher bei den Verantwortlichen auf taube Ohren gestoßen.

Dabei könnten mit dem Geld aus dem Verkauf bereits bestehende Wohnheimplätze gesichert werden. Das würde mehr bringen als die geplanten zehn neue Plätze für StudentInnen in der Ludwigsstraße nach der vorgesehenen Sanierung.Die Bewohner sehen sich als Betroffene einer starken Repressionswelle gegen linke und selbstverwaltete Freiräume, der in den vergangenen Monaten auch im Südwesten etliche Jugendzentren, Wagenplätze und Hausprojekte zum Opfer fielen. Deshalb solidarisiert sich die Hausgemeinschaft auch mit dem autonomen Zentrum „Ex-Steffi“ in Karlsruhe, das kürzlich unter bundesweitem und sogar internationalem Protest geräumt wurde. Raban Witt, 17

Prostest-Wohner auf dem Marktplatz

Bild: Metz

(dhe). Karierte Sofas, kuschlige Sessel und Tischchen voll Kuchen und Schoko-Muffins mit der roten Aufschrift „Lu15“ – am Samstagmittag präsentierte sich der Tübinger Marktplatz als gemütliches Wohnzimmer. Doch der Schein trog. Denn die lustigen Möbel samt den rund 50 großen und kleinen Draufsitzenden waren nicht zum Spaß da, sondern als Protest gegen die fristlose Kündigung für alle 25 Bewohner/innen des selbstverwalteten Wohnprojekts Ludwigstraße15 beim Sternplatz.

Geht es nach dem Eigentümer, dem Tübinger Studentenwerk, sollen sie bis zum 31. Mai ausziehen. Im Haus leben Studierende und Arbeiter, Berufstätige, Kinder, Flüchtlinge und Arbeitslose. Mit dem so genannten Wohnout auf dem Marktplatz informierten sie die Tübinger Öffentlichkeit über das Hausprojekt „Lu15“ und baten zur Solidarisierung per Unterschriftenliste.

„Unangenehm nah“ sei der Kündigungstermin schon, sagte der Sozialpädagoge Stefan Rieger. Die Hausgemeinschaft fürchtet eine Räumung und sieht in einem möglichen Aus für ihr Wohnprojekt eine „Zerschlagung von Freiräumen“. „Wir wollen gemeinschaftlich leben“, sagte Rieger, „nicht vereinzelt und isoliert.“

Nach dem Vorbild der Schellingstraße 6 sei die Hausgemeinschaft bereit, dem Studentenwerk das Anwesen „zu einem angemessenen Preis“ abzukaufen, so Rieger. „Oder wir suchen uns einen anderen Träger.“ Wäre das damals leer stehende Haus aus dem Besitz der französischen Garnison im Herbst 1979 nicht von den Vorgängern der heutigen Bewohner besetzt worden, so argumentieren diese, wäre es überhaupt nicht in den Besitz des Studentenwerks gelangt.

Beatsteaks-Drummer Thomas Götz: am Neckar zur Musik gefunden

Der Ex-Tübinger Thomas Götz schwingt bei den Beatsteaks die Stöcke


STUTTGART (job). An den Beatsteaks kommt derzeit keiner vorbei, der über Rock made in Germany redet. Die fünf Berliner gewannen kürzlich den MTV Europe Music Award als beste deutsche Band (gegen Rammstein, Die Ärzte und Sportfreunde Stiller), die Tournee ist so gut wie ausverkauft. Mit dem TAGBLATT sprach Drummer Thomas Götz nach dem Konzert neulich in Stuttgart. Er lebte in Reutlingen und Tübingen, bevor es ihn nach Berlin zog.


Punkrock ist eine schweißtreibende Sache: Thomas Götz am Arbeitsplatz.

Und, wie fühlt es sich an, Rockstar zu sein?
GÖTZ: Eigentlich krieg ich davon im Alltag nix mit. Ich werd‘ nicht auf der Straße erkannt, und im Proberaum sind keine Fans. Schön ist: Man kommt umsonst auf Konzerte, man kennt die Veranstalter.

Kannst du mittlerweile davon leben?
Na ja, ich geb‘ auch weiter Trommel-Kurse im Wedding für Kinder aus sozial schwachen Familien. Das heißt, man legt deutschen Gangster-Rap auf und versucht dazu zu trommeln. Das macht Spaß, obwohl die Verhältnisse, aus denen die Kids kommen, echt krass sind.

Die Beatsteaks haben eine eigene Art entwickelt, den Nachwuchs zu fördern. Bei jedem Konzert darf ein Drummer aus dem Publikum bei dem Manowar-Cover „Kings of Metal“ deinen Platz einnehmen und das Stück mitspielen (beim Auftritt im Stuttgarter Longhorn war der Caged Univerz-Drummer Jonathan König aus Tübingen der Auserwählte). Noch nie Angst gehabt, dass dich einer verdrängt?
Manchmal sind sie kurz davor, aber manchmal sind auch echte Nieten dabei, Jan Delay zum Beispiel. Toll war es mit ihm trotzdem.

Was hast du denn aus der Heimat so mitgenommen, was hat dich geprägt?
Meinen Dialekt? (lacht) Aus Reutlingen die Zelle, da hab‘ ich von ‘86 bis ‘89 mitgemacht. Zelle ist Heimat, das ist das Nachhaltigste, was ich mitgenommen hab‘, außer Freunden und meinen Eltern. Da hat man gelernt, ein Bild gekriegt, wie man mit anderen leben will. Ohne Boss halt, was ich glücklicherweise immer noch kann. Das hat mich echt angezeckt.

Und aus deiner Tübinger Zeit?
In der Zelle hab‘ ich gelernt, wie ich leben will, aber nicht, was ich machen will. Dass Musik machen Möglichkeiten eröffnet, hab‘ ich in Tübingen gelernt. Ich hab‘ damals in der Lu 15 gewohnt, und bei den Dead Facts gespielt. Zu denen hab‘ ich auch noch Kontakt, zwei wohnen jetzt auch in Berlin.

Und wie hast du es dann geschafft, dass das alles einfach klappt?
Es hätte für mich mit niemand anderem funktioniert als mit den Beatsteaks. Sie haben mich gefragt, ob ich mitspielen will. Ich hab‘ damals noch bei Church of Confidence gespielt. Zum Vorstellungsgespräch saßen sie alle um einen Tisch in einer spießigen Wohnung. Gespräch kam keins so richtig in Gang, bis wir in den Proberaum gingen und spielten. Musikalisch hat‘s gleich gut geklappt. Ich hab‘ noch nie so musikalische Menschen getroffen.

Ihr seid schon länger von den Ärzten und den Toten Hosen unterstützt worden, im Ärzte-Song „Unrockbar“ namentlich erwähnt. Hat das geholfen?
Geschadet hat es natürlich nicht. Wir laden uns jetzt auch immer Bands die wir mögen als Vorgruppe ein.

Was ist dein Tipp für den Nachwuchs?
Musik machen, um Erfolg zu haben, ist nicht der Weg. Es ist die Liebe zur Musik, die verändert. Lieber einen direkten Ausdruck von dem, was man macht bringen, als sich an was Erfolgreiches angleichen. Die besten Bands sind die, die sich von den anderen unterscheiden.