
Kommune, Chaotenhaufen, Wohnprojekt, Studentenwohnheim, oder buntes Zusammenleben unterschiedlichster Menschen mit kulturellem, sozialem und politischem Anspruch - die LU 15 wurde schon mit vielen Titeln ausgezeichnet. Welcher stimmt? Nach der Lektüre können Sie der Aufzählung Ihre ganz persönliche Meinung hinzufügen und werden wissen, was hinter der begehbaren Rattenfalle steckt und welche Rolle die Familie Seppelfricke dabei spielt.
Das Wohnprojekt Ludwigstraße15 stellt eine lebendige Form des Zusammenlebens dar. In sechs Wohngemeinschaften mit jeweils ganz eigener Atmosphäre leben hier zur Zeit 27 Erwachsene und drei Kinder zusammen. Der Austausch zwischen den Wohngemeinschaften und den einzelnen BewohnerInnen erfolgt nicht nur in der wöchentlichen Hausvollversammlung oder verschiedenen Arbeitskreisen, sondern auch beim gemeinsamen Joggen oder wenn „Familie Seppelfricke“ auf dem Sternplatz gegen die „Aufkleber“ im Fußballspielen antritt.
Wir sitzen abends beim gemeinsamen Spiel, planen Veranstaltungen, gehen gemeinsam aus oder laden uns gegenseitig zum Essen ein. Bei diesen Gelegenheiten entsteht viel Raum zum Kennenlernen oder Pläne schmieden, und auch neuen MitbewohnerInnen fällt es leicht, sich von Anfang an wohl zu fühlen.
Wohnräume wie dieser finden sich in einer anonymisierten und funktionalisierten Gesellschaft nicht häufig. Glücklicherweise ist in der LU 15 mit den Jahren ein solcher Freiraum gewachsen und bereichert als solcher die Lebensvielfalt Tübingens. Die wöchentliche Hausbar, die Hauswerkstatt, die vielgenutzte Kletterwand im Dachgeschoss oder der mehrmals pro Woche geöffnete Umsonstladen mit sonntäglicher „Volksküche“ sind wichtige Bestandteile des soziokulturellen Lebens in unserer Nachbarschaft und der Tübinger Südstadt geworden. Sie bieten auch Ihnen vielfältige Möglichkeiten, einmal vorbeizuschauen und sich mit dem/der ein oder anderen BewohnerIn persönlich zu unterhalten.
Unsere Aktivitäten erreichen aber auch viele Mitmenschen jenseits unserer vier Wände. Ein eigens produzierter CD-Sampler, vielfältiges Engagement bei kulturellen und politischen Veranstaltungen wie den Wagenburg-Kulturtagen, dem Stadtfest, dem Ract!-Festival oder dem Kommando- Fussballcup – die Hausgemeinschaft gestaltet das Tübinger Leben aktiv mit!
Das seit bald 30 Jahren bestehende Wohnprojekt Ludwigstraße 15 befi ndet sich in der Tübinger Südstadt zwischen Sternplatz und Neckarufer. In direkter Nähe zum Lorettoviertel, dem LandestheaterTübingen (LTT), dem französischen Viertel und der Eberhardskirche trägt auch die LU 15 zum einmaligen Flair der Tübinger Südstadt bei. In diesem Viertel fügen sich begrünte Balkone, spielende Kinder auf verkehrsberuhigten Straßen, belebte Hinterhöfe und unterschiedliche architektonische Stile zu einem bunten Gesamtbild zusammen, das viel Raum für viele Lebensstile bietet.
Das Gebäude Ludwigstraße 15 wurde 1946 erbaut. Es diente zunächst als Unterkunft für französische Offiziere und deren Familien. Nach dem Abzug der französischen Truppen im Jahr 1977 stand das Gebäude, das zwischenzeitlich in den Besitz des Bundesvermögensamtes übergegangen war, über ein Jahr lang ungenutzt leer. „Das muss nicht sein“, dachten sich in der Nacht zum 29. November 1979 Menschen verschiedenster Couleur angesichts des teuren und knappen Wohnungsangebots in Tübingen. Nach dem Motto “bezahlbarer Wohnraum für alle“ wurde das Gebäude kurzerhand besetzt.
Seitdem leben in der „LU 15“ Studierende, Auszubildende, Kinder, SchülerInnen, HandwerkerInnen, Arbeitslose und Angestellte. Geändert hat sich seitdem, dass das Bundesvermögensamt das Objekt LU 15 am 1. April 1989 an das Tübinger Studentenwerk A.d.ö.R. verkaufte. Doch auch wenn der Eigentümer wechselte - die Selbstverwaltung blieb. In Mietverträgen mit dem neuen Hauseigentümer wurde den BewohnerInnen die Selbstverwaltung für weitere 10 Jahre zugesichert. Dieser Vertrag lief 1999 aus. 2004 kündigte das Studentenwerk allen BewohnerInnen, um das Haus zu sanieren und in ein Wohnheim nur für Studierende umzuwandeln.
In „heißen“ Phasen wie im Vorfeld der Kaufverhandlungen kann es vorkommen, dass man sich auch zweimal pro Woche zusammensetzt. Über die Vollversammlung hinaus gibt es verschiedene Arbeitsgruppen, die sich um konkrete Belange des Hauses kümmern, z.B. um die Finanzplanung und --verwaltung, die Planung der Sanierung, die Koordination kultureller Veranstaltungen oder unsere Öffentlichkeitsarbeit. Neben dieser Gremienarbeit übernehmen alle BewohnerInnen noch einen kleinen persönlichen Aufgabenbereich wie die Gartenarbeit, die Pfl ege der Homepage oder die Verwaltung des Getränkelagers der Hausbar. So ist jede/r BewohnerIn in das Haus als Gesamtprojekt eingebunden und trägt zum dauerhaften Fortbestand des Projekts bei. Wichtig ist uns vor allem, dass diese Strukturen das Engagement der Einzelnen aufgreifen und wichtige Aufgaben von allen definiert und durchgeführt werden. Damit sowohl das Zusammenleben im Haus als auch die Kooperation mit unseren DirektkreditgeberInnen und dem Mietshäuser Syndikat – unserem Projektpartner - sowie die Beteiligung der LU 15 an Veranstaltungen gut funktioniert, haben sich die BewohnerInnen auf eine feste und basisdemokratisch organisierte Hausstruktur geeinigt. Einmal pro Woche fi ndet eine Vollversammlung statt, bei der sich alle BewohnerInnen treffen und aktuelle Themen diskutieren.